neuer stapel
| Autor: | |
| titel: | |
| allg. kategorien: | |
| wand: | |
| erschienen: | |
| verlag: | |
| kommentar: | Die 70er Jahre lassen nicht los. Bevor ich mich an die Utopien eines Enzensberger wage, bzw. die damit einhergehenden Zweifel an der Zukunft(Kursbuch 52), etwas sehr produktives im wahrsten Sinn. Die Idee einer Katalysierung und Dekonstruierung menschlicher Aussageformen (manchmal auch schon Poesie genannt!) soll mit einer Maschine erreicht werden. Nicht das erste Mal, dass man auf die sachliche Technisierung als eine Art Selbstreinigung hofft, die Freiraum für andere, neue Wege gibt. Jetzt, in den 70ern, ist, so das Credo, die Schwelle erreicht, an der so ein Automat auch technisch realisierbar ist, also nur noch die Frage des Konzepts entscheidend ist: alle ÑGesichtspunkteì müssen beachtet werden, die mathematischen, historischen, medientheoretischen und noch einige mehr, dazu die Soft ñ und Hardware (ÑWeich ñ und Hartwareì). Man merkt dem Autor seine linguistische, wissenschaftliche Herangehensweise an, die aber immer leserlich und vor allem schnell und genüsslich bleibt. Mit ÑEinladungì ist also konkret die praktische Ausführung der Maschine gemeint. Dieser Essay ist dementsprechend mit allen wichtigen Einzelheiten, technischen Daten, theoretischen Grundlagen gefüttert, die dem zukünftigen Konstrukteur alles nötige beschreibt, um selber Hand anzulegen. Gleichwohl ist das natürlich mit der nötigen Polemik versehen und ist nie ganz frei von Literarischem, etwa, wenn Enzensberger sich auf seine Vorgänger, die an solche Ñproteistischenì Gedichte schon vor Jahrhunderten dachten. Auch Queneau (ÑStilübungenì, auch in der Bibliothek) zählt übrigens dazu. Hinter den technischen Instruktionen und den vielen formellen Erläuterungen im Sinne einer Anleitung (und nicht Einladung) zum Bauen setzt sich eine tiefe Zuneigung zur Poesie als Wesenszustand zusammen, der, ob künstlich/mechanisch oder natürlich/menschlich erreicht, angestrebt wird. Denn ist Poesie nicht ohnehin (wie oft, das wird nicht verraten) das Ergebnis zufälliger Prozesse, um beim technokratischen Vokabular zu bleiben. Allenfalls hinter diesem kann er sich ins seiner vorstellbaren Euphorie flüchten, weiß aber zu gut, dass er dies über die Lektüre hinaus lieber den Profis überlässt. Als Sprach ñ und Denkspiel, hat er diese Idee, die er Anfang der siebziger Jahre, der Langeweile wegen sich ersann, knapp 25 Jahre später wieder hervorgekramt, weil nun, in den 90ern vielleicht eher die Zeit für Ñprofanereì Dinge war. Leicht nachzuvollziehen. Aus Langeweile geboren und erhalten. Gut so! Die technische Entwicklung hat es ermöglicht, das Programm ist mittlerweile für jeden Hobbyprogrammierer machbar ñ nur die Wörter des elektronischen Wörterbuchs, aus denen die Gedichte zusammengesetzt werden, sind vom Erfinder als ersten Schritt ausgewählt worden. Doch den nötigen Denkanstoß gibt er jedem Leser auf den Weg. Denn trotz allem ist das spannendeste dabei, mit welchem ÑMaterialì, welchen Wörtern das Programm gefüttert wird. Ganze Bataillone eigener Programmchips könnte man mittlerweile entwickeln, nach dem Motto: der ganze Duden-Wortschatz, oder viel besser, den ganzen Wortschatz der Gedichte Reiner Maria Rilkes oder Edgar A. Poes. Zum Beispiel. Und dann per Knopfdruck in 0.38s eine völlig neue Kombination, neue Gedichte aus alten Stoff. Eklektischer Zufall. Das ist das Prinzip. Programmieren eines Systems, wie die deutsche Sprache eine ist. S-P-O, Subjekt-Prädikat-Objekt oder eben poetischer: O-P-S oder P-S-O. Ob nun als Metapher verstanden oder als real existierende Monster-Riesen-Maschine: natürlich ists eine feine Sache und dem Ministerium für Jugend und Kultur (etc.) statt aller farbigen Bildschirme und Infotafeln in Straßenbahnen und öffentlichen Plätzen an die Hand zu geben. Denn was ist das für ein Spaß, sein eigenes, individuelles Poem mit nach Hause zu nehmen! Keine argwöhnischen Blicke, kein Neid: der Zufall zaubert stolze Zufriedenheit auf alle Gesichter. Eine denkbar schwierige und langwierige Operation (wobei hier natürlich die eigene Note des Autors zum tragen kommt, kleine Enzensberger-Roboter-Verse, die in ihrer Beliebigkeit für jeden Sinn ergeben können)! Diese Beliebigkeit, laut Autor dauert es Ñ5 mal 10 hoch 29 Jahre [Ö], bis sich der Text wiederholt ñ also praktisch nieì, ist Sinn und Unsinn zugleich. Braucht es noch mehr schwachsinnige Texte, von denen der immer größere Bücher ñ und Informationsbestand der Menschheit so reich ist? Auf der anderen Seite stellt der Autor die Quantität als Vorzug dar, wenn er sagt, dass das generierte Gedicht die Messlatte für junge Poeten sei, drunter dürfte man an Qualität nicht kommen, sonst bräuchte man gar nichts erst herauszubringen. Ich bin mir nicht sicher, zu welcher Zeit ein solcher Apparat mehr Erfolg gehabt hätte. Jedoch, so urteile ich vorschnell, war die Begeisterung für Roboter und nichtmenschliche Androiden ungleich größer. Nur zu deutlich, da diese noch wie diese aussahen. Und nicht vom Fortschritt eingeholt und verkleinert und handlicher gemacht wurden. Heute vor so findet man sie allenthalben noch in der zweifelhaften Ästhetik der Fahrkartenautomaten. Doch zurückgeblieben ist der Text keineswegs. Der Autor denkt schon an Anzeigetafeln, mehrmals betont er die Möglichkeit, das Gerät sprachlich zu erweitern und so als universelle Ablenkung, Zeitvertreib und Verständigung z.B. auf Flughäfen einzusetzen, wo eine Leuchttafel mehr auch nicht mehr stört. Doch zurück zum Ursprungsgerät. Denn es wurde ja jetzt doch gebaut und es soll auch weitere Interessenten geben. Seitdem jedoch, das Buch erschien 2000, habe ich zumindest nie mehr etwas von einem Poesieautomaten außer eben als die große Attraktion beim Lyrik-Festival 1999 in Lech gehört, auf dem dieser Weltpremiere feierte, von dem natürlich die Zeitungen voll waren und das der Grund für die erstmalige Veröffentlichung ist. Diese Assoziation mit einem Roboter passt da schlecht ins Konzept. Man müsste weg von diesem klotzigen Bild, hin zu modernen Flachbildschirmen oder großen, ganz alltäglichen Benutzerflächen und zwar als eingegliederten Bestandteil des Stadtbildes. Kein Automat im Museum, sondern ein möglichst einfaches und billiges Angebot, die Poesie als Spiel(zeug) zu sehen und drüber zu lachen. Denn, so bin ich sicher, fühlt man sich doch in gewisser Weise von so einem Ding herausgefordert. An der Nase herumgeführt und deshalb angehalten, selber Zeilen (und wenn es Ñnichtssagenderì Nonsens ist) entstehen zu lassen. Ganze Abende könnte man dabei zubringen, Gedichte von Mensch und Maschine in einem Ratespiel zu vergleichen, Schönes zu loben, Unverständliches zu kritisieren, den Stil zu verteufeln. Da bleibt dann nur den menschlicheren Poeten, sich zusammen-/kurzzuschließen, sich ganz nach Maschinenart zu transformieren, das Ergebnis und die Wahrnehmungsweise aber? dem Zufall zu überlassen. |
