interview hier zufällig ausgewählt. systematisch kann auf die interviews über studierende oder lehrende zugegeriffen werden

interviewer:
Simone Kaempf
2006-05-19


protraitbild

Prof. Sibille Riemann
wie würden Sie jemand anderem ihren job erklären?
Ich lehre an der Burg Giebichenstein seit 1994 und hatte dort Gott sei Dank die Chance, innerhalb der gestalterischen und künstlerischen Grundlagen ein neues Terrain zu öffnen und das Fach Interaktives Gestalten zu entwickeln. Diese neue Ausrichtung basiert darauf, mit unterschiedlichen, kontextbedingten Annäherungsmöglichkeiten an Problemstellungen heranzugehen. Für mich ist das eine Voraussetzung für künftige gestalterische Herausforderungen. In meinem Büro arbeite ich zur Zeit an unterschiedlichen Präsentationsformen von technischen Neuentwicklungen eines Ingenieurbüros, bei denen ich versuche, komplexe und komplizierte Inhalte sehr anschaulich und verständlich zu gestalten, um auch auf internationalem Terrain ein breites Publikum zu erreichen.

wann und warum wurden Sie ans ID4 berufen?
Ich gehörte zu einer der ersten Studenten-Generationen, hatte 1976 das Studium begonnen und 1981 meinen ersten Lehrauftrag erhalten. Es lag sicherlich im Interesse des gesamten ID4, dass das, was wir gelernt haben, weitergegeben wird. Viele meiner Kommilitonen haben damals am ID4 gelehrt, einige von ihnen sind mittlerweile als Professoren an verschiedene Hochschulen berufen.

welche Aufgaben haben sie übernommen?
Meine Stärken lagen in der Art der Vermittlung, damit bin ich als Studentin schon aufgefallen. Wie erklärt man anschaulich die Dinge? Wie funktioniert etwas, wie präsentiere und visualisiere ich anschaulich? Das waren auch die Projekte, die ich mit Studenten gemacht habe. Die Projekte mit den Studierenden im ID4 waren häufig Kurzzeitprojekte und folgten der Idee der Fingerübung: nicht drei Monate, sondern intensiv eine Woche an einer Sache arbeiten und am Ende der Woche die Ergebnisse präsentieren. Danach war man wieder bereit, in eine neue Sache einzusteigen. Außerdem war ich Mitautorin der Lehreinheit "Design-Geschichte - neue Wege zur Aneignung". Wie der Titel sagt, ging es darum, Designgeschichte anders zu vermitteln und sich aktiv, ohne selbst Zeitzeuge gewesen zu sein, dieser rückwärtigen Geschichte zu nähern.

was fällt ihnen zu der zeit und den umständen spontan ein?
Meine ersten Lehrerfahrungen und natürlich eine riesige Herausforderung. Die Zeitspanne, selbst noch Student gewesen zu sein und auf einmal etwas zu vermitteln, war relativ kurz. Ich habe mich deswegen immer sehr intensiv vorbereitet, weil die Erinnerung noch frisch war, wie man es selbst geschätzt hat, wenn einer engagiert und motivierend auftrat.

besonderheiten der studenten-generation, mit der sie zu tun hatten?
Ich hatte in den 70ern studiert. Wir waren politisch sehr aktiv, nach uns kam eine ganz andere Generation, die nur noch gestalteten wollte. Das war sehr auffällig. Sicherlich ist bei unserem hochschulpolitischen Engagement einiges an Ausbildung zu kurz gekommen. Das mag unseren Nachfolgern aufgefallen sein. Die haben anders und Anderes studiert. Wir haben uns nie mit so konkreten Projekten wie "Leuchten" beschäftigt. Bei uns ging es immer um Erkennen von Systemen und Prozessen. Unser Ziel war es, an der Optimierung von gesellschaftlichen Bedingungen, sei es in der Arbeitswelt oder im ganz gewöhnlichen Alltag mitzuwirken. Die Studenten, die heute in Halle anfangen, sind anders und nicht einseitig strukturiert. Man muss ihnen die Möglichkeit bieten, sich alles in gesamter Bandbreite anzuschauen. Deshalb müssen Projekte aus den unterschiedlichsten Kontexten angeboten werden, um mögliche Berufsbilder vorzustellen und individuelle Neigungen und Ausrichtungen für den zukünftigen Job zu entwickeln.

übereinstimmungen / inspirationen / reibungen an nick roerichts positionen?
Der konzeptionelle Ansatz, in Strategien denken und Strategien bilden - diese Pfeiler sind stark verinnerlicht. Diese Prägung habe ich bekommen, lebe sie weiter und versuche, neue Facetten im Design zu öffnen. Reibung gab es mehr in der Kommunikation. Das Sich-verständlich machen und zu verstehen, was Roericht meint, war nicht immer einfach. Das habe ich hoffentlich in meiner Art der Auseinandersetzung mit Studierenden verändert: klarere Aussagen und Vorgaben zu machen - ein nicht leichtes Unterfangen, sprechen wir doch nicht immer die gleiche Sprache … Es gehörte zur Gesamtkonzeption, dass man in Verunsicherung geworfen wurde, weil Verunsicherung neue Potentiale öffnen kann. Das muss man als Lehrender aushalten können. Da habe ich sicherlich andere Grenzen.

kontakt / zusammenarbeit mit damaligen mitmachern und ID4lern?
Sowohl das gemeinsame Studium als auch spätere Arbeiten in Büros haben einen mit denjenigen, mit denen man unmittelbar zusammen war, sehr zusammengeschweißt. An der Burg sind wir mittlerweile drei ID4ler als berufene Professoren, viele sind im Lehrauftrag, und je nach Stellenausschreibung ermutige ich die ehemaligen Mitstreiter, sich zu bewerben.

was würden sie im nachhinein, angenommen die zeitreise wäre bei gleicher ausgangslage möglich, anders machen?
Auf mein Studium bezogen habe ich relativ schnell gemerkt, das ich das vorhandene Potenzial an Angeboten nicht genug genutzt habe. In der Praxis musste ich Einiges nachholen.

was haben sie in ihren arbeitsbereich übernommen oder weiterentwickelt?
Wie bereits gesagt - der konzeptionelle Ansatz, in Strategien denken und Strategien bilden - ganz konkret kann ich mich auch erinnern, anfangs mal den Brief an die Großmutter schreiben zu lassen - der Start bei so vielen ID4-Projekten. Seit einigen Jahren wird es mir immer wichtiger, dass Studierende die Projekte in unterschiedlichster Form dokumentieren lernen. So bleibt die Idee, der Entwurf weiter am Leben. Vor dem Hintergrund des Bachelor-Abschlusses in Form eines Portfolios ein wichtiges Training.

wie hat sich, seit sie lehren, das verhältnis des entwerfers zum handwerkszeug verändert?
Für mich sind die handwerklichen Disziplinen wichtiger geworden. Die neuen Werkzeuge haben letztendlich die gesamte Profession weiterentwickelt. Ohne den Rechner kann ich mir Gestaltung gar nicht mehr vorstellen. Wobei ich die Gestaltung nicht am Rechner mache, sondern die gesamten Simulations-, Kommunikations- und Vermittlungsstrecken. Dieses Medium hat sehr viel verändert, ich finde sogar verbessert. Wenn ich vergleiche mit meiner Studienzeit und deren Möglichkeiten: wie mitreißend und anschaulich Studenten heute präsentieren und dadurch überzeugen, ist das ein wichtiger Baustein geworden für die zukünftige Durchsetzungsfähigkeit in der Praxis. Beim klassischen Handwerkszeug merke ich mehr und mehr das Potential, das darin steckt. Ich bin an einer Hochschule, an der traditionelles Handwerk einen wahnsinnigen Stellenwert haben, den ich anfangs kritisch gesehen habe, was gut war, damit ich etwas anderes anfangen und durchsetzen konnte. Die Studenten heute suchen sich ihre Werkzeuge selber. Der breite Fächerkanon in unserer Grundlagenausbildung hat ein enormes Gestaltungsrepertiore durch die Verknüpfung von Tradition und Erneuerung gewonnen.

sehen Sie die disziplin design mittlerweile übergehen, mutieren, sich entwickeln in andere formen und ausrichtungen?
Innerhalb der Hochschule öffnen sich, wie eben schon angesprochen, neue Strecken innerhalb eines gestalterischen Prozesses: Dass Design eben nicht nur objektorientiert ist, sondern stark in immaterielle und kommunikative Abläufe geht. Natürlich werden weiterhin auch Objekte entworfen, hier sehe ich Aufgaben- und Themenstellung ausschlaggebend für innovative Entwicklungen.

welche hoffnungen oder befürchtungen knüpfen Sie daran?
Hoffnungen setze ich vor allen Dingen in die nächsten Gestalter an den Hochschulen. Hier können Weichen gestellt werden. Wo soll die Reise hingehen? Schlimm wäre es, wenn die Zielstationen zu weit von einander weg liegen würden. Dass es sehr viele unterschiedliche, gestalterische Ansprüche gibt, sieht man z.B. in Designtempeln wie Stilwerk. Mit wenigen Ausnahmen hoffe ich nicht, dass die Reise dort endet.

was kann man tun, um designer nicht nur für heute, sondern für die nächsten jahrzehnte ihres berufslebens auszubilden?
Für heute ausbilden, was heißt das? Geht das überhaupt? Beruht das Heute nicht auf den Entscheidungen von gestern? Unsere jetzigen Studienanfänger verlassen die Hochschule in ca. 4-5 Jahren. Wer weiss, welche Bedingungen auf sie warten? Das kann man nicht beantworten. Umso wichtiger ist es, eine breite Ausbildung anzubieten, die Studierenden mit unterschiedlichen Themenstellungen und Realisierungsprozesse zu konfrontieren und neue Tätigkeitsfelder zu entdecken. Die Einführung von Bachelor sehe ich zweischneidig. Wir haben es geschafft, einen vierjährigen Bachelor zu installieren. Dennoch bedeutet das eine Verkürzung der Lehre, das ist ganz klar. Andererseits: Durch die Entwicklung neuer Zeitfenster im Bachelor ist die Intensität und Effektivität des Studiums größer geworden. Durch Neustrukturierung der Ausbildung in aufeinander abgestimmte Module bieten wir den Studierenden ein äußerst qualifiziertes Programm zur Entwicklung gestalterischer Kompetenz und persönlicher Bildung. Die gezielte Verknüpfung mit anderen Disziplinen innerhalb des Masterstudiums verstärkt dieses Profil. Ich sehe dies als große Chance auf eine optimale Vorbereitung auf freiberufliche Tätigkeit und grenzüberschreitende Berufsfelder.

worauf könnten Sie leicht verzichten?
Spontan fällt mir da gar nichts ein. Brauchen tue ich sicherlich weniger, aber verzichten möchte ich nicht.